PREDIGT zum "ISRAEL-Sonntag" (am 20.8. in der Unterbarmer Hauptkirche)


Liebe Gemeinde & liebe Tauffamilien!


Wenn wir etwas nicht ausstehen können, dann sind das Menschen, die sich für „etwas Besseres“ halten und dies auch Andere deutlich spüren lassen.


Skeptisch sind wir, wenn Jemand daherkommt und behauptet, er hätte eine besondere „Berufung“, er sei zu etwas Besonderem „auserwählt“ und dazu„bestimmt“, eine besondere „Mission“ zu erfüllen.


Widerstand regt sich in uns auch, wenn sich soziale Gruppen, Völker, Nationen und politische Führer, anmaßen, in der Weltgeschichte oder in der aktuellen Politik eine „Führungsrolle“ inne zu haben.

Dieser Widerstand, diese Skepsis, sei zu Anfang der Predigt benannt und ausgesprochen – und wir werden gleich merken, warum.

Im Verlauf des Kirchenjahres ist heute – am 10. Sonntag nach Trinitatis - der sog. „Israel-Sonntag“.


Er erinnert uns daran, dass das Volk Israel und das Judentum einen besonderen Platz und eine besondere Rolle in dieser Welt hat.


Und daran, dass wir, die wir uns Christen nennen und die Kirche, einen bleibenden Bezug haben zu diesem jüdischen Volk, zu Israel, zu seinem Glauben und zu seiner Geschichte.

Ich lese den für diesen Israel-Sonntag vorgeschlagenen Predigttext (Exodus 19,1-6):
1 Am dritten Neumondstag1 nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten kamen sie in die Wüste Sinai.
2 Sie waren von ihrem Lagerplatz bei Refidim dorthin aufgebrochen und schlugen nun ihr Lager vor dem Berg Sinai auf.
3 Mose stieg zu Gott auf den Berg. Der Herr rief ihm vom Berg aus zu: »Sag dem Volk Israel, den Nachkommen Jakobs:
4 ›Ihr habt gesehen, wie ich an den Ägyptern meine Macht erwiesen habe. Und ihr habt erlebt, dass ich euch getragen habe wie ein Adler seine Jungen; ich habe euch wohlbehalten hierher zu mir gebracht.
5 Wenn ihr mir nun treu bleibt und auf mich hört, sollt ihr mein ganz persönliches Eigentum sein unter allen Völkern. Die ganze Erde gehört mir;
6 aber ihr sollt ein Volk von Priestern sein, das mir ganz zur Verfügung steht und mir ungeteilt dient.‹ Das sollst du den Leuten von Israel sagen.«

Liebe Gemeinde,

dieser Predigttext redet von der besonderen „Erwählung“ Israels und der alte Text nimmt uns mithinein in die Frühgeschichte des jüdischen Volkes:

Zunächst war da, im 2. vorchristlichen Jahrtausend, nur kleine Gruppe umherziehender, nichtsesshafter Nomaden im Vorderen Orient. Auf der Suche nach Weideland zog es sie nach Ägypten, wo sie in die Sklaverei und Knechtschaft des Pharaos gerieten. Bis sie eine befreiende Erfahrung machten, unter der Führung eines gewissen Mose durchs Schilfmeer zogen und den Ägyptern entkamen, mit der Hilfe Gottes – wie sie es bis heute 3000 Jahre später als jüdisches Volk im jährlichen Pessachfest noch feiern und bekennen.

Durch die Wüste zogen sie dann, mit einer Verheißung, ein Land zu bekommen und Nachkommen – wie sie es im Nachhinein schon deuten als gegebene Zusage an ihre Stammväter Abraham, Isaak & Jakob. Und in der Wüstenzeit - nach dem Auszug aus Ägypten, und bevor sie dieses Land bekommen und dort ansässig und zu einem Volk werden - erleben sie, wie der Gott, an den sie glauben, mit ihnen einen Bund schließt und ihnen die zehn Gebote offenbart, sie führt und leitet, und zu ihnen sagt: „Ihr sollt unter allen Völkern mein auserwähltes Volk sein. Ich will Euer Gott sein und ihr sollt mir gehören. Und ihr werdet eine besondere Aufgabe und Berufung haben für alle Völker. Daran glaubt und daran haltet fest!“

Das ist, kurz und etwas distanziert skizziert, der Kontext unseres heutigen Predigttextes zum sog. „Israel-Sonntag“.

„So sollt ihr“, sagt die Stimme Gottes,“vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein!“ (V.5).

Verstehen Sie jetzt, warum ich zu diesem Text heute meinen Predigtanfang gewählt habe?

Skepsis, Widerstand, Zurückweisung regt sich, wenn Jemand daher kommt, und sich für etwas Besonderes hält, für auserwählt, mit einer besonderen Mission und Berufung gegenüber dem Rest der Welt.

Und nun mag uns zur behaupteten Erwählung dieses Volkes Israel allerlei einfallen:


Komische Geschichte und fragwürdiges Selbstverständnis.


Religiöse Anmaßung und skandalöse Überheblichkeit.


Eine Arroganz gegenüber dem Rest der Welt, anderen Völkern, Religionen und Kulturen.

„Ihr sollt vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein!“ - soll das eine göttliche Stimme gesagt haben ???


Manche mögen auch sagen: „Soll'n sie es doch von sich glauben!“


Oder fragen: „Wenn sie es denn wirklich sind, so ein auserwähltes Volk – warum haben sie dann dann diese Leidensgeschichte über die Jahrhunderte? Und wo war denn ihr Gott, der sie angeblich erwählt hat, während der Shoah, dem Holocaust und in den Konzentrationslagern?“


Stimmen gab und gibt es auch, die sagen: „Sie sind schon ein merkwürdiges Volk, besonders die strengen Juden, mit ihren Sitten, ihrer Kleidung, ihrem äußeren Auftreten!“


Und vollends brisant wird es, wenn die Begrifflichkeiten durcheinander kommen und alles in den großen Topf kommt– Volk Israel und Land Israel, Vergangenheit und Gegenwartk, Glaube und Politik, Staatsgründung und Palästinenserfrage, das Existenzrecht Israels und die Feindschaft der arabisch-mulimischen Welt …

Es ist also schon ein großes, komplexes und auch brisantes Thema, über Israel, das jüdische Volk und den jüdischen Glauben zu reden ...

Aber gerade in diesem Jahr, wo wir Protestanten das 500jährige Reformationsjubiläum haben, ist es wichtig, sich an diesem „Israel-Sonntag“ 2017 auch der eigenen Schuld und den eigenen Versäumnissen nocheinmal zu stellen.

Denn Christentumgeschichte ist im Rückblick auch Schuldgeschichte gegenüber Israel.

Und Judenhass, Judenverfolgung, Judenvernichtung in der deutschen Geschichte war nur möglich, weil die Nazis sich u.a. auch auf Luther berufen konnten, der furchtbare Sachen „wider die Juden“ gesagt hat – nämlich, man solle sie vertreiben und einsperren und ächten und ihre Gotteshäuser anzünden …

Unser Predigttext heute jedenfalls nimmt uns nochmal mit hinein in die Bundesgeschichte Gottes mit diesem Volk, von der die Bibel uns Zeugnis gibt.

„Ihr sollt“, so heisst es, „von allen Völkern auf dieser Welt mein Eigentum sein!“ sagt Gott

Ist das eine Ehre oder eine Last?

Ein Grund zur Überheblichkeit oder eine schwere Berufung?

Ein Skandal oder ein Segen für die Welt und die Völker?

Und vor allem: Was heisst das?

Die Propheten in Israel haben ihr Volk immer wieder daran erinnert, dass sie das „kleinste und geringste“ unter allen Völkern sind und dass der Bund Gottes mit ihnen Verpflichtung ist, Grund zur Demut und ein Berufensein zum Vorbild.


Gesegnet sollen sein alle Geschlechter dieser Erde.


Und alle Welt soll Gott erkennen als den, der liebt und befreit, Gerechtigkeit will und Frieden, und kein Gefallen hat daran, dass wir Menschen uns und die Welt zerstören.


Aller Welt sind seine Gebote gegeben als Weisungen zum Leben.


Und Israel soll dafür Zeuge sein, Zeugnis geben, diese Ehre Gottes in der Welt wachhalten.

Bis auf diesen Tag.

Sie sollen uns auch Zeuge sein für die Treue Gottes mit ihrer Rückkehr in die Heimat – als einziges Volk dieser Erde, dass fast 2000 Jahre zerstreut und verfolgt und heimatlos war (was immer an israelischer Politik zu kritisieren und andererseits der arabischen Welt vorzuwerfen ist an Unehrlichkeit und Verlogenheit in der Palästinenserfrage!)

Nein, Israels Berufung gilt bis auf diesen Tag.

Das gehört auf die Kanzeln in unserer Kirche heute.

Und daran lassen wir uns aufs Neue erinnern.

Doch was heisst das konkret? Ich nenne ein paar Dinge, die wir uns an diesem Morgen bitte nocheinmal bewusst machen:

Zunächst: Wenn wir als Christen an Gott glauben und das Wort Gott gebrauchen, dann tun wir dies nicht im luftleeren, undefinierten Raum religiöser Beliebigkeit. Immer wieder gebauche ich an dieser Stelle ja das Bild von den Einkaufswagen im Supermarkt, die äußerlich alle gleich aussehen, aber in die jeder reinpackt, was er will, wenn's zur Kasse geht … Und so haben wir auch heute morgen Isabella und Elias nicht getauft auf ein beliebiges Gottesverständnis hin! Sondern unser Glaube geht auf den Gott „Abrahams, Issaks & Jakobs“ und ist Anschlussglaube an das Gotteszeugnis Israels und an Jesus. An Gott glauben wir Christen also mit Israel, in einer Welt, in der die Sache mit Gott ansonsten immer wieder sehr uneindeutig, missverständlich und sogar sehr missbräuchlich sein kann.

Zweitens: Mit Israel und mit Israels Glaube bleiben wir der Erde treu, der Suche nach irdischer Gerechtigkeit, irdischem Frieden, irdischem Wohlergehen für alle Menschen! Zu oft und immer wieder ist Religion ja auch Weltflucht und Vertröstung auf ein Jenseits, oder sie wird verstanden als rein individuelle Seelenpflege.Gerade der Glaube Israels, in dessen Tradition wir stehen, verpfichtet uns aber, jetzt und hier und global dem Frieden und der Gerechtigkeit nachzujagen.

Drittens: Jesus war Jude, die ganze Tradition und Lebenswelt seines Wirkens war jüdisch, und auch die frühe Jesus-Bewegung war zunächst eine rein jüdische Angelegenheit, bevor wir – die Gojim, die Heidenvölker – zu Teilhabern und Erben dessen geworden sind. Das sollen und dürfen wir nie vergessen. Denn die Wurzel, die uns trägt, bis heute – so sagt es Paulus – ist Israel und der Bund, den Gott, zum Segen der Welt, mit diesem Volk geschlossen hat.

Isabell und Elias – stellvertretend für alle Kinder dieser Welt – haben ihr Leben noch vor sich. Sie werden in einer Welt groß, in der gerade Jerusalem hoffentlich einmal zum Wahrzeichen & Ort des Heils wird, an dem Juden, Muslime und Christen ihre Feindschaft überwinden, und in einer Welt, in der Israel nicht mehr in seiner Existenz bedroht ist, und Juden & Araber ihre Waffen begraben.

„Ihr sollt“, so heisst es, „von allen Völkern auf dieser Welt mein Eigentum sein!“ sagt Gott … Denken wir auch daran, wenn wir das nächste Mal wieder ein Polizeiauto vor jüdischen Gotteshäusern sehen, hier in Deutschland 2017, auch hier in Wuppertal.

Amen

Thomas Corzilius