PREDIGT zur Passionszeit (4. Sonntag)

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Wann immer uns Jemand fotografieren möchte, ist es uns wichtig, auf dem Foto günstig zu erscheinen. Deshalb gibt es Situationen, wo wir nicht fotografiert werden möchten: Die Frisur sitzt nicht, die Situation passt nicht, unser Äußeres erscheint uns nicht fotogen.

Und wenn wir Fotos von uns selbst betrachten, dann sind wir auch wählerisch: Hier und da gefallen wir uns, finden uns gut getroffen, sind uns sympathisch und haben den Eindruck: Da komme ich ganz nett rüber! … Bei anderen Fotos dagegen schütteln wir den Kopf und sagen: Tu das bloß weg! Wie seh ich denn da aus? Das ist ja völlig da

neben.



Auch von Jesus gibt es viele Bilder.

Im wörtlichen und übertragenen Sinne.

Bilder, die Menschen sich seit über 2000 Jahre von ihm gemacht haben.

Manche gehen glatt durch: Jesus, der Menschfreund. Jesus, wie er heilt und gesund macht. Jesus, der die Kinder segnet. Jesus, der gute Hirte.



In diesen Wochen vor Ostern, in der Passionszeit, schieben sich aber andere Bilder davor: Jesus, wie er verraten, gefangen genommen und verhöhnt wird. Jesus, der die Dornenkrone trägt. Und am Ende, Jesus leidend und blutend und nach Gott schreiend am Kreuz.

Keine schönen Bilder.

Nein, das Bild des Gekreuzigten – in katholischen Kirchen und Räumen omnipräsent als Kruzifix – ist kein schöner Anblick.

Und auch wenn fromme Andacht und Anbetung sich konzentrieren mag auf den Schmerzensmann – so ruft er doch auch immer wieder Weggucken, Unbehagen, Kopfschütteln und Widerspruch hervor.

Ja, Jesus als gütiger, sanfter, liebender Menschenfreund und Menschenbruder – dieses Bild, vielfach und vielfältig in Umlauf, findet unser Wohlwollen.

Aber das Bild des Gekreuzigten, Ohnmächtigen, Leidenden – das war schon damals kein religiöses, erbauliches Schmuckstück: „Den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit“, schreibt der Apostel Paulus.

Gehts nicht auch ohne? Können wir – statt überall Kreuze zu haben – nicht unseren Glauben mehr mit Bildern schmücken, die uns Jesus als Lehrer, Heiler, Therapeuten und Tröster zeigen?

….

Unser heutiges Predigtwort – der Spruch zum 4. Sonntag der Passionszeit – beinhaltet ebenfalls ein Bild, ein Bild aus der Natur, und bezieht es auf Jesus, dessen Kreuzweg wir in diesen Wochen vor Ostern mitgehen:

In Johannes 12,24 heißt es: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht!“

Im Johannes-Evangeliums steht dieses Wort vom Weizenkorn, das in die Erde gesät wird und dadurch Frucht trägt, im Zusammenhang mit der Ankündigung Jesu, dass er nun den Weg gehen wird, der zu seiner Kreuzigung und zu seinem Tod führt.

Und schon damals wollten seine engsten Freunde und Anhänger dieses Bild, das Jesus da von sich ankündigt, nicht sehen und nicht wahrhaben.


Simon Petrus sagt sinngemäß: „Da sei Gott vor, bloß nicht!“


Judas, der ihn verrät, will mit seinem Verrat ja gerade dieses Ende nicht, sondern Jesus dazu nötigen, dass er in der Zuspitzung der Gefangennahme sozusagen „die Reissleine zieht“ und in allerletzter Minute als Gottes Messias die Wende hebeiführt.


Und keiner seiner Jünger versteht beim letzten Abendmahl, was Jesus bevorsteht …

„Doch es muss so geschehen!“ sagt Jesus ihnen.

Und die johanneische Verkündigung unseres Predigtwortes deutet an, dass dieser Weg am Ende ein „fruchtbarer“ Weg ist: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht!“

...

So wie wir unschöne Bilder von uns beiseite legen, zerreissen und wegschmeissen, so

hat es auch immer wieder Versuche gegeben, das unschöne Bild des gekreuzigten Jesus auszusortieren:

Es war nicht Jesus, den sie gekreuzigt haben, heisst eine Variante – er wurde verwechselt, und ein Anderer hing statddessen am Lattengerüst.

Oder: Er ist garnicht wirklich zu Tode gekommen, sondern hat die Kreuzigung überlebt und ist nach Indien ausgewandert, wo man heute angeblich noch sein späteres Grab besuchen kann.

Oder eben: Man kann nicht leugnen, dass er damals eines gewaltsamen Todes starb – aber man relativiert seinen Tod und hält sich lieber an das, was er zu Lebzeiten gewesen ist und zu Lebzeiten gesagt und getan hat.

Doch wie wir's auch drehn und wenden:

Sein Tod am Kreuz bleibt dem christlichen Glauben und im ganzen Neuen Testament ein zentrales, fundamentales– fromm gesprochen: heilsgeschichtliches – Geschehen.

Er ist, mit seinem Tod, das Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt, und dadurch Frucht bringt.

…..

Lassen Sie uns an dieser Stelle die Alternative zu seinem Tod am Kreuz phantasieren.


Nehmen wir an, Jesus hätte noch ein paar Jahrzehnte länger gelebt und wäre dann, wie Buddha, friedlich, mit der Welt, mit Gott und mit sich im Reinen, gestorben – das ist eine Denkmöglichkeit.


Oder er wäre in der Schlusskurve vor seinem Leidensweg geflohen und hätte den Kelch des Leidens (wie er es am Vorabend seiner Gefangennahme, mit Gott ringend, ausgedrückt hat) zurückgewiesen, er hätte Reiss-Aus genommen, sich versteckt und sein Leben in Sicherheit gebracht.

Beides wäre wohl nur möglich gewesen, wenn er seine Mission, seine Botschaft, seine Liebe und seinen Glauben an Gott, verraten hätte.

Denn das, was er zu Lebzeiten in die Welt brachte, lebte, verkündete, wofür er einstand, war zwangsläufig konfliktträchtig und konnte auf Dauer von den religiös und politisch Herrschenden nicht akzeptiert und geduldet werden.

Das muss und darf man ganz realistisch so sehen.


Den jüdischen Gesetzteslehrern und Glaubenswächtern erschien er mehr und mehr als Gefährder und Gotteslästerer.


Und den politischen Machthabern und Ordnungshütern als zu beseitigender Unruhestifter.

Und deshalb war sein Weg ans Kreuz so etwas wie die Treue bis zur letzten Konsequenz – Treue seiner Botschaft, seiner Liebe, den Menschen und Gott gegenüber.

Ein Jesus, der später alt und friedlich gestorben wäre, der zurückgenommen, angepasst, verstummt, geflohen oder versteckt das Kreuz nicht angenommen hätte, wäre nicht mehr der Jesus gewesen, auf den sich unser Glaube bis heute gründet.

Er hätte seine Mission nicht durchgehalten.

Und wir wüssten – ohne Kreuz und das folgende Ostermysterium – wohl nichts mehr von einem jüdischen Wanderprediger, der vor 2000 Jahren irgendwo durch die Dörfer Israels zog und danach dann doch unbekannt und unbedeutend im Nebel der Menschheitsgeschichte verschwand ...

Das ist das Erste, was wir uns heute beim Hören auf unser Predigtwort, vergegenwärtigen müssen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht!“

…..

Doch was ist die Frucht dieses Kreuzweges?

Die neutstamentliche Formel dafür lautet „Für uns“.

Für uns – die Menschheit, gestern, heute, morgen – ist Jesus das Weizenkorn geworden, das in die Erde gelegt wird.

Und alle Kreuze dieser Welt – In Kirchen, an Gräbern, auf Berggipfeln und um den Hals gehängt - erinnern uns seit 2000 Jahren daran.

Nicht einen komischen, sadistischen Gott, der Blut und Menschenopfer braucht, sehen wir in diesem „Für uns“.

Sondern das Bild göttlicher Wirklichkeit, die teilhat – mitleidend, mitblutend – mit seiner Schöpfung und seinen Menschen.

Einen „gekreuzigten“ Gott, der nichts zu tun hat mit einem lieben Gott im Himmel, unberührt, fern und apathisch gegenüber unserer Gewalt, unseren Irrwegen, unserem Leid und unseren Tränen.

Erklären, nein erklären, kann man diese Wahrheit nicht, mit menschlichem Verstand und menschlichem Begreifen.

Aber es ist das Evangelium des Neuen Testaments:

Dass im Kreuz Himmel und Erde sich berühren, Gott und Mensch am tiefsten Punkt einander begegnen, all unser Schuld und und Verlorenheit und all unser „Warum?“ in ein „Schwarzes Loch“ der Verwandlung gezogen werden.

....

Wie greifbar ist das, wie konkret und wie tröstlich in unsere Wirklichkeiten hinein?

Ich lese: „Es war im Rahmen einer Vortragswoche. Das anschließende Gespräch dauerte bis in den Abend. Danach trennten wir uns und die jungen Leute gingen fort. Es wurde dunkel. Auf der Landstraße gab es dann den schrecklichen Unfall, ein Auto fuhr in die Gruppe und ein Mädchen war tot.

Noch tief in der Nacht saß ich mit den Eltern zusammen. Wie kann Gott das zulassen? Ich verstand nichts. Genausowenig wie die Eltern. Sollte ich mich hinsetzen und zu erklären versuchen, dass alles doch irgendwie im höheren Sinne sinnvoll sein könnte? Ich wäre mir idiotisch vorgekommen. Wo ist in einer solchen Situation noch ein Packende zu finden? Es wurde ein langes Gespräch und mir fiel überhaupt nichts ein außer dem einen: Wir haben in dieser in vielem so absurden Welt immer wieder das Kreuz in unsere Mitte gestellt. Keine theologische Rechnung ging mehr auf, keine weltanschauliche Errklärung hielt mehr durch. Nur noch ein Blick auf das Kreuz, an dem Gott selbst sich hat festnageln lassen auf seine Liebe … Damit hören unsere Fragen nicht auf. Uns schießen weiter die Tränen ins Auge, wenn wir leiden oder Andere. Das Elend der Welt bleibt uns. Aber unser Blick auf Gott ist ein Anderer bis hin zum Ostermorgen und bis hin zu dem Tag, an dem die Rätsel sich lösen und Gott abwischen wird alle Tränen und kein Tod und kein Leid und kein Geschrei mehr sein wird.“

Vielleicht ahnen wir – drei Wochen vor Karfreitag und Ostern – in welche Richtung uns das heutige Predigtwort aus dem Johannes-Evangelium weist.

„Den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit, uns und der Welt letztlich aber eine Gotteskraft!“ schreibt Paulus.

….

Angefangen habe ich die heutige Predigt mit der Frage nach der Auswahl unserer Bilder: Einige behalten wir, schauen sie gerne an oder messen ihnen einen besonderen Stellwert zu – andere sortieren wir aus und wollen sie nicht sehen.



Die Metapher vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und vielfältig Frucht bringt, verweist uns in diesen Wochen vor Ostern darauf, dass das Bild des Gekreuzigten und der Anblick des Gekreuzigten, ein unverzichtbares Bild unseres Glaubens ist.

Wir können Unterschiedliches darin erblicken und aus vielen Perspektiven deuten.

Aber bis heute ist und bleibt es uns grundlegend als Quelle der Kraft und des Trostes.

Thomas Corzilius